Die Biologie der Ziege


Gemeinsam mit den Schafen bilden die Ziegen die Unterfamilie der Ziegenartigen. Optisch sind Ziegen in Europa meist leicht von Schafen zu unterscheiden. Es gibt jedoch Schafrassen, bei denen eine optische Unterscheidung schwer fällt. Weder die Wolle noch die Form der Ohren oder des Schädels liefern Anhaltspunkte für eine Zuordnung. Ein sicheres optisches Unterscheidungsmerkmal ist die Haltung des Schwanzes. Schafe lassen den Schwanz hängen, Ziegen stellen den Schwanz auf gall01.

Genetisch unterscheiden sich Ziegen und Schafe durch ihre unterschiedliche Chromosomenanzahl. Während Ziegen 60 Chromosomen besitzen, sind es bei Schafen nur 54 Chromosomen. Trotzdem gibt es Berichte über erfolgreiche Kreuzungen zwischen Ziege und Schafbock, nicht jedoch vice versa gall01.

Der wohl augenscheinlichste Unterschied zwischen Schafen und Ziegen, ist das unterschiedliche Wesen der Tiere. Während Schafe bei plötzlicher Gefahr blindlinks die Flucht ergreifen, beobachten Ziegen meist die Situation neugierig, bevor sie adequat darauf reagieren.

Eine der schönsten Beschreibungen über das Wesen der Ziegen, findet sich in einem Buch von Johannes Lutz. In ihm schildert er die Ziege aus der Sicht eines Hirten:

„Der Umgang mit Ziegen ist voller Überraschungen, vielfältig, zwiespältig, mit extremen Hochs und Tiefs. Zum einen brachten mich die Geißen mit ihrer Gewitztheit, Dickfelligkeit und Eigenwilligkeit bis auf die letzte Palme. Zum anderen forderten sie alle Liebe heraus, die ich einem Mitgeschöpf zu geben vermochte. Im Alltag bin ich einer jener Ärgerfresser, welche die aufkommende Wut wie Briefmarken sammeln, anstatt sie in kurzen, heftigen Ausbrüchen loszuwerden. Mit der Ziegenherde ging das nicht mehr. Ich tobte, schrie, schäumte, dass ich durchs ganze Tal zu hören war. Minuten später war ich wieder vollkommen aufgeräumt, mit mir und der Welt im reinen.

Es ist kein Wunder, dass das Wort Kapriolen von capra stammt. Man muss auf alles gefasst sein, vor allem, wenn das wachsame Auge des Hirten sich in ein Buch vertieft. Oftmals gaben die scheinbar ruhig weidenden Ziegen Gas, sobald meine Aufmerksamkeit beim Hüten nachließ und meckerten fröhlich, wenn ich sie keuchend einholte. Ihre Tricks abzuhauen musste ich mit Respekt anerkennen. So wie ich sie allmählich kennenlernte und ein Gespür für einen nahenden Schabernack entwickelte, so lernten sie die diversen Grade meiner Achtsamkeit abzuschätzen und nutzten sie für selbständige Weiderouten aus.

Einmal rettete ich eine junge Geiß, die sich in einer Felswand verstiegen hatte und mich kläglich anmeckerte, als wäre ich persönlich für ihre Unbesonnenheit verantwortlich. Unter mir der Abgrund, hievte ich die Ziege auf die Schultern. Mit dem einen Arm umklammerte ich ihre Beine, mit der anderen Hand suchte ich nach Griffen im Fels. Die Geiß verhielt sich vollkommen ruhig, andernfalls hätte ich uns auch nicht in Sicherheit bringen können. Als ich mir später die Stelle nochmals anschaute, erschrak ich über meinen Mut, ohne Seil in die Wand gestiegen zu sein. Die Ziege vergaß diese Rettungsaktion nicht, kam von da an oft zu mir und lehnte den Kopf an meinen Oberschenkel.

Beim Fressen zeigen die Ziegen einen unbeständigen Charakter. Sie lieben die Abwechslung, zupfen die besten Kräuter aus der Weide, schälen bei den Grünerlen die Rinde ab, knabbern auch an Disteln und Alpenkreuzkraut, kappen bunte Blüten und verschmähen nicht mal den Alpenampfer. ” hosli59

Die Beschreibung zeigt, dass die Ziege ein Herdentier ist, innerhalb der Herde jedoch individuell agiert. Besonders auffällig ist ihre Eigenwilligkeit, die mit dem Verhalten einer Katze vergleichbar ist. Ziegen kann man kaum zu etwas zwingen, allenfalls überlisten. Diese Eigenschaften, führten dazu, dass Ziegenrassen, wie die Zwergziege, oft ausschließlich als Spielkamerad gehalten werden.

Die Biologie der Ziege, kann man auf den Lebensraum der Wildziegen zurückführen. Der ursprüngliche Lebensraum der heutigen Hausziege ist das Gebirge oberhalb und unterhalb der Baumgrenze. Hier herrscht eine extreme Vielfalt überwiegend kargen Futters und extreme Klimabedingungen mit zum Teil wenig Wasserangeot.

Ziegen sind auf diese extremen Bedingungen bestens angepasst. Sie sind sehr robust und kommen mit den verschiedensten Klimaverhältnissen zurecht. Eine Ausnahme bildet hier aufgrund des lanolinfreien Haarkleides der Regen. Ziegen meiden ihn im Allgemeinen. Schon bei einer geringen Niederschlagsmenge suchen sie einen Schutz oder Unterstellplatz auf. Da Ziegen ihren Wärmehaushalt über Mikroorganismen im Pansen (Rumen) regeln, kann dadurch entstehender Futtermangel bei gleichzeitig niedrigen Temperaturen zu gesundheitlichen Komplikationen führen. Auch Feuchtigkeit und heißes Klima führen in Kombination zu Komplikationen. Als Grund vermutet man, dass die Temperaturregulation über Verdunstung nicht möglich ist und eine Entlastung durch nächtliche Abkühlung fehlt. gall01

In der Futterverwertung ist die Ziege sehr anpassungsfähig, frisst bei einem breiteren Angebot jedoch sehr selektiv, wobei Kräuter, Blätter, Knospen und junge Zweige bevorzugt werden.

Ziegen sind netzmagen- und labmagenbetont. Das Futter gelangt über die Speiseröhre in den Pansen. Mittels Muskelbewegung wird das so aufgenommene Futter zwischen Pansen und Netzmagen (Retikulum) gemischt (Schleudermagenkontraktion). Beide Magenabschnitte sind drüsenlos und von einer Vielzahl von Mikroorganismen (Bakterien, Protozoen und Hefen) besetzt, die den schwerverdaulichen Anteil der pflanzlichen Nahrung fermentieren. Der dabei entstehende Gärungsprozess sorgt gleichzeitig für die Regulierung des Wärmehaushaltes der Ziege. In der zweiten Phase der Futterverwertung beginnt die Ziege mit dem Wiederkäuen. Dazu wird ein Teil des Vormageninhalts angesogen und der Futterbrei in das Maul gestoßen, wo die Ziege ihn mit reichlich Speichel zu einem Brei kaut. Der so entstandene Brei gelangt in die Vormägen zurück. Über Pansen und Netzmagen, auch Haube genannt, gleitet der Brei in den Blättermagen (Psalter, Omasum), wo die überschüssige Feuchtigkeit ausgepresst wird. Der so eingedickte Nahrungsbrei wird in den Labmagen (Abomasum) weitergeführt, wo er von Drüsensäften, wie dem Lab, aufgespalten wird wilkinson87. Der Labmagen der Ziege weist Tendenzen zum Monogastier auf. Durch die vergleichsweise geringen Ausmaße von Pansen und Blättermagen, sind die Verdauungsorgane der Ziege weniger auf die mikrobielle Strukturverdauung ausgelegt. Hierfür spricht auch der vergleichsweise sehr lange Darm. Ziegen besitzen dadurch die Fähigkeit, Pflanzen mit hohen Rohfasergehalt zu verwerten. Zwingt man sie ausschließlich Gras vom Boden zu fressen, erweisen sie sich als ausgesprochen anfällig für Parasitosen. walkenhorst03

Auch im Wasserhaushalt zeigt die Ziege physiologische Besonderheiten, die sie von anderen Nutztieren abhebt. So können Ziegen auf Vorrat trinken und kommen ähnlich wie Kamele im Vergleich zu anderen Wiederkäuern mit wenig Wasser aus. Abbauprodukte des Stoffwechsels können konzentriert in einer geringeren Harnmenge abgegeben werden loehle97.

Auch können Ziegen Wasser mit relativ hohem Salzgehalt noch nutzen legel90.

Die Ziege bildet so aufgrund ihrer Genügsamkeit, der hohen Rohfaserverwertung, der guten Akklimatisation und der Fähigkeit der Wasserbevorratung im besonderen in den Gebieten die Grundlage zur Ernährung der Menschen, in denen die Existenzmöglichkeit für andere Wiederkäuer nicht besteht legel90.

 
 

Ziegenlexikon